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Ist der genetische Fingerabdruck noch up-to-date?
aus: Labor 2000, Ausgabe 2000. Erschienen 1999 im Vogel Verlag,
München.
Von Kirsten Thelen |
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Minisatelliten |
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Multi-Locus-Sonden |
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Single-Locus-Sonden |
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Polymerase-Kettenreaktion
(PCR) |
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Mitochondrien-DNA |
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Zellkultur |
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Fazit |
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Der "genetische Fingerabdruck" ist in letzter Zeit
vor allem in Zusammenhang mit Sexualstraftaten in das allgemeine
Interesse gerückt, ist doch jeder anhand seines genetischen
Fingerabdrucks eindeutig zu identifizieren. Daneben findet er auch
in Deutschland zunehmend Anwendung bei Vaterschaftsanalysen.
Aber nicht nur für Abstammungsgutachter und Strafverfolgungsbehörden
sind genetische Fingerabdrücke von unschätzbarem Nutzen.
Auch in der Zellkultur, bei Tumorbanken und dem Einsatz autologer
Zellen in der Gentherapie stellt sich die Frage nach der tatsächlichen
Identität des verwendeten Materials. Was hinter dem genetischen
Fingerabdruck steckt und wozu er sonst noch eingesetzt werden kann,
ist Thema des folgenden Beitrags. |
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Minisatelliten
Genetischer Fingerabdruck ist nicht gleich genetischer Fingerabdruck.
Gemeinsam ist den verschiedenen Techniken, daß sie sich sogenannter
Minisatelliten (auch Short Tandem Repeats, STR) bedienen. Dabei
handelt es sich um Abschnitte, in denen ein 2 bis 8 Nukleotide langes
DNA-Muster mehrmals wiederholt wird (z.B. GATTA). Die sehr häufig
bei STR zu findenden verschiedenen Allele unterscheiden sich in
der Häufigkeit der Wiederholungen. |
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Multi-Locus-Sonden
Die ersten genetischen Fingerabdrücke, wie sie Nature
1985 von Jeffreys und anderen vorgestellt wurden, wurden
im Southern-Blot-Verfahren erstellt. Hochmolekulare genomische DNA
wird mit einem Restriktionsenzym vollständig verdaut, elektrophoretisch
aufgetrennt, geblottet und mit einer Sonde hybridisiert, die einige
Wiederholungen eines bestimmten DNA-Musters lang ist (z. B. GATTA
GATTA GATTA) und viele verschiedene STR-Loci erkennt. sogenannte
Multi-Locus-Sonden (MLS). Mit einer einzigen Hybridieserung erhält
man ein Bandenmuster mit einer Fülle von Informationen, das
individualspezifisch ist. Naheliegende Einsatzgebiete sind die Identifizierung
von Straftätern und der Verwandtschaftsnachweis, insbesondere
die Vaterschaftsanalyse.
Die Technik fand entsprechend schnell Eingang in die Vaterschaftsanalyse
(Jeffreys et al., 1985) und die Strafverfolgung
(Gill et al., 1987). Während die Anwendung
in der Strafverfolgung noch relativ einfach ist, da im wesentlichen
die genaue Identität einer Spur mit einem Täter untersucht
wird, birgt die Anwendung in der Vaterschaftsanalyse auch Nachteile
gegenüber der klassischen Blutgruppenanalyse. Es ist vielfach
nicht bekannt, welche Loci sich hinter einer Bande verbergen, damit
ist auch nicht bekannt, inwiefern Banden miteinander gekoppelt vererbt
werden. Auch die Mutationsraten in den verschiedenen Loci sind nur
schwer zu bestimmen, wenn man sie nicht kennt. Außerdem ist
es im Southern Blot nicht ganz einfach, einer Bande eine exakte
Größe zuzuordnen, insbesondere, wo es nur um Größenunterschiede
von wenigen Basenpaaren geht. Um diese Probleme zu lösen, wurden
umfangreiche Rechenprogramme zur Größenbestimmung von
Banden im Southern Blot unter berücksichtigung geschätzter
Mutationsraten entwickelt, mit deren Hilfe aus MLS-Blots Vaterschaftsanalysen
mit der gewünschten Sicherheit erstellt werden. |
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Single-Locus-Sonden
Alternativ zu MLS-Sonden wurden sogenannte Single-Locus-Sonden
(SLS) entwickelt. SLS erkennen im Southern Blot einen spezifischen
Locus, und die Gesamtheit der Banden, die mit verschiedenen SLS
gefunden werden, ist ebenfalls individual-spezifisch und wird auch
als genetischer Fingerabdruck bezeichnet. Diese Technik ist gegenüber
der MLS-Methode aufwendiger, da mehrere Hybridisierungen erfolgen
müssen. Da die Ergebnisse eindeutiger sind, hat sich diese
Mehtode zunächst durchgesetzt. |
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Polymerase-Kettenreaktion (PCR)
Ein Nachteil der Southern-Blot-Methoden zum genetischen Fingerprinting
war der Bedarf realtiv großer Mengen hochmolekularer DNA.
Während das bei Vaterschaftsanalysen kein Problem darstellt,
da man eben soviel Blut abnehmen kann, wie man braucht. stoßen
die Strafverfolger schnell an ihre Grenzen. Denn nicht immer kann
man aus einer Spur DNA in rauhen Mengen und perfekter Qualität
gewinnen. Mit der PCR besteht die Möglichkeit, auch aus allerkleinsten
Mengen wie einem Haar oder Speichelspuren an einer Zigarettenkippe
die interessanten STR zu nachweisbaren Mengen zu amplifizieren.
Durch Amplifikation mehrerer hochvariabler STR erhält man wiederum
ein Muster, das individualspezifisch ist. Auch dies wird als genetischer
Fingerabdruck bezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei
Menschen den gleiche 5-Loci-Fingerabdruck haben, liegt bei etwa
1:10-10.
Neben dem Vorteil, daß kleinste Probenmengen genügen,
erweist sich die PCR Technik in der Praxis als sehr zuverlässig
und unkompliziert zu handhaben. Die amplifizierten Bereiche haben
Größen zwischen 100 und 400 Basenpaaren, und ihre Größe
läßt sich meist auf das Basenpaar genau bestimmen. In
der Strafverfolgung hat die PCR andere Techniken längst abgelöst.
Besonders anwenderfreundlich sind Multiplex-PCR-Systeme, die die
gleichzeitige Amplifikation von bis zu 11 Merkmalen erlauben. Durch
Multi-Color-Fluoreszenz-Detektion können die Amplifikate parallel
detektiert und ausgewertet werden, so daß ein genetische Fingerabdruck
von der DNA-Präparation bis zum fertigen Ausdruck in weniger
als acht Stunden erstellt werden kann. Allerdings ist diese Methode
gerätetechnisch gesehen die zwar zuverlässigste, aber
auch teuerste. |
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Mitochondrien-DNA
Eines der jüngeren Mitglieder in der Familie des Fingerprintings
istd as Fingerprinting mitochondrialer DNA (Avise
et al., 1989). Hier werden beispielsweise je nach Fragestellung
individualspezifische oder artspezifische Polymnorphismen
des Cytochrom B Genes oder einer nicht-kodierenden hypervariablen
Region in der D-Schleife untersucht. Da Mitochondrien-DNA stabiler
zu sein scheint als genomische DNA, kann auf diese Weise oft auch
dann noch eine genetischer Fingerabdruck erstellt weden, wenn keine
ausreichende genomische DNA mehr zu präparieren ist. Das ist
z. B. bei sehr alten Leichen der Fall, die so identifiziert werden
können. Erfolgreiches Fingerprinting wurde schon an mehr als
50000 Jahre alten Leichen praktiziert.
Mitochondrien werden bekanntlich über die Mutter vererbt,
also auch die Mitochondrien-DNA. Damit lassen sich durch mitochondriales
Fingerprinting auch noch Verwandtschaftsbeziehungen untersuchen,
die über viele Generationen hin reichen, vorausgesetzt, man
kann eine maternale Linie verfolgen. Für Vaterschaftsnachweise
ist das mitochondriale Fingerprinting naturgemäß ungeeignet.
Untrer anderem mit dieser Methode wurden die Mitglieder der ermordeten
Zarenfamilie identifiziert (Gill et al., 1994),
während die Zugehörigkeit der angeblichen Zarentochter
Anastasia zur Familie klar ausgeschlossen werden konnte.
Das mitochondriale Fingerprinting ist aber auch ein wichtiges Werkzeug
für alle, die Zellkulturen verschiedener Spezies halten oder
Metastasierungsexperimente in fremden Spezies durchführen. |
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Zellkultur
Die Techniken des genetischen Fingerprintings sind zwar im wesentlichen
von Gerichtmedizinern und Abstammungsgutachtern entwickelt und verfeinert
worden, sie wurden aber quasi sofort von einer ganz anderen Gruppe
von Wissenschaftlern angenommen: eben jenen, die mit Zellkulturen
arbeiten.
Jeder, der mit Zellkulturen arbeitet, kennt die Geschichten, wo
ambitionierte Forschungsarbeiten daran scheitern, daß das
verwendete Zellkulturmaterial nicht das ist, was es zu sein scheint.
So entpuppen sich "menschliche metastasierte Tumorzellen" nach Explantation
asu der Maus, wenn überhaupt, oft erst nach langer Zeit und
viel Arbeit als gewöhnlicher Mäusetumor, und der liebevoll
gepäppelte "Einzelklon" eines ungewöhnlichen Tumors als
triviale Zellkulturkontamination.
Selbst große Sammlungen tierischer und menschlicher Zellinien
wie ATCC und ECACC sind vor solchen Malaisen nicht gefeit. Die Kreuzkontamination
zahlreicher Zellinien mit HeLa bei ATCC ist Legende. Die Konsequenz
dieser Unternehmen ist klar: regelmäßiges Fingerprinting
gehört inzwischen zum täglichen Geschäft. Und jeder,
der selbst einmal Opfer einer Verwechslung oder Kontamination war,
hält es ebenso.
Denn während man Kontaminationen mit Pilzen oder den meisten
Bakterien nach wenigen Tagen nicht mehr übersehen kann, bleiben
Kontaminationen mit anderen Zellinien, Spezies und intrazellulär
parasitierenden Bakterien wie Mykoplasmen dem Auge meist verborgen.
Mittlerweile gibt es auch in den führenden Forschungsgemeinschaften
Überlegungen in die Richtung, die regelmäßige Kontrolle
der Identität von Zellinien und -kulturen verpflichtend zu
machen, da die Zuverlässigleit und damit die Qualität
wissenschaftlicher Ergebnisse mit der Zuverlässigkeit des eingesetzten
Materials steht und fällt. |
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Fazit
Mit den verschiedenen Techniken des genetischen Fingerprintings
ergeben sich neue Einsatzmöglichkeiten.
Ein Milliliter Zellkulturüberstand reicht aus, um die Identität
der Zellen zu prüfen und Kreuzkontaminationen mit Zellen gleicher
Spezies durch genomisches Fingerprinting nachzuweisen. Mit Hilfe
mitochondrialen, PCR-basierenden Fingerprintings erkennt man Kontaminationen
mit fremden Spezies bzw. kann die Spezies der Zellen überhaupt
erst einmal aufklären. Und natürlich lassen sich auch
versteckte bakterielle Infektionen mit Hilfe von Fingerprint-Methoden
und der PCR aus dem Kulturüberstand schnell nachweisen, ohne
daß man wertvolles Zellmaterial opfern muß oder Zeit
für die eigenen Experimente verliert. |
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Literatur
Jeffreys et al., Nature 1985 Jul 4-10; 316 (6023): 76-79
Jeffreys et al., Nature 1985 Oct 31-Nov 6; 317 (6040): 818-819
Gill et al., Forensic Sci Int 1987 Oct-Nov; 35 (2-3):145-148
Avise et al., Mol Biol Evol 1989 May:6 (3): 258-269
Gill et al., Nat Gent 1994 Feb; 6 (2): 130-135 |
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